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Zum Stück:
Eine Selbstpersiflage Dürrenmatts?
Unversöhnlicher Dichter, unbequemer Querkopf, Humorist auf höchster künstlerischer
und intellektueller Ebene - viele Beinamen hat man dem am 14. Dezember, kurz vor seinem 70.
Geburtstag verstorbenen, schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt zu Lebzeiten gegeben.
Mit über 50 literarischen Werken avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Welt.
"Der Besuch der alten Dame" (1955) und "Die Physiker" (1962) aus seinem
Dramenwerk und sein Roman "Der Richter und sein Henker" (1950) machten ihn zu einer
literarischen Größe, zu einem Klassiker der Moderne.
Dürrenmatt war ein sehr widersprüchlicher Mensch, jeder Festlegung aus dem Wege gehend.
Sein Werk verstand er als provokativ und er wollte auch provozieren, die Welt und die Menschen.
Gerade in seinem Weltanschauungstheater hält er seinen Zeitgenossen oft illusionszerstörend
den Weltspiegel vor, um ihr Gewissen zu wecken. In einer unüberschaubaren Welt voller Pannen
könne man nicht "allzu billig" Trost geben, sondern müsse mit "Abenteuer
die Wahrheit sagen". Beißender Humor, Witz und Zynismus sind ihm gerade recht, um sein
Publikum zu "ärgern".
Als Metier wählt er die Komödie, die einzige heute mögliche Bühnenform, aus
der sich noch das tragische erzielen lasse. Sie geht nicht von Gegebenem aus, sondern lebt vom
Einfall, sie verwandelt einen Teil der Gegenwart ins Komische, macht ihn dadurch um so deutlicher
sichtbar. In seiner parodistischen Art lässt Dürrenmatt keine Personen auftreten, die
aus dem Leben gegriffen scheinen, sondern fiktive Modellfiguren, die exemplarisch für "seine
Welt" stehen und seinen Stücken einen gewissen Fabelcharakter verleihen.
Als Stoff für diese Stücke greift er immer wieder Erscheinungen unserer
Zivilisationsgesellschaft auf, aber nur um in ihrem Kostüm Ursituationen zu schildern, unter
heutigen Bedingungen Urkonflikte auszutragen. Es geht ihm dabei nicht um irgendwelche
Gesellschaftsformen, Machtsysteme oder den Atomkrieg, sondern um ethische Begriffe, wie Schuld,
Treue, Freiheit, Gerechtigkeit.
Auch der Tod spielt in seinen Werken eine wesentliche Rolle; der Tod aber als ein Werkzeug der
Evolution, als Wurzel unserer Kultur, nicht als ein schreckliches Ereignis, das notwendig
Verfremdung hervorruft. Der selbst zuckerkranke und von Infarkten geschwächte Dürrenmatt
fordert die Welt auf, Ihren Tod als natürlich und notwendig zu begreifen, die Angst zu
überwinden, die uns, seiner Meinung nach, das Jenseits, Götter, Gott erfinden ließ
"Das
endlose Glück gibt es erst nach dem Tode".
In seiner Komödie "Der Meteor" greift Dürrenmatt diese Thematik auf, behandelt
Tod und Auferstehung. Seine Hauptfigur ist der Literaturnobelpreisträger Schwitter, der die
Welt und die ihm begegnenden Menschen mit dem Wunder der Auferstehung konfrontiert und damit
Verwirrung und Chaos auslöst. In der Klinik bereits verstorben, erwacht er wieder von den
Toten, begibt sich in sein altes Atelier, um dort in Ruhe auf den Tod zu warten. In einer Reihe
von Auftritten begegnet der sich von Leben und Welt distanzierende Literat nun Personen
verschiedenster Charaktere. Diese Mitmenschen, die in sein Sterben geraten, werden dadurch
schonungslos mit ihrem eigenen Leben konfrontiert, ein Leben voller Illusionen und Lügen, in
einer selbstgezimmerten Welt von Logik und Vernunft, und sterben selbst. Sie überleben diese
Konfrontation nicht, weil sie die Wirklichkeit nicht auszuhalten vermögen. Der
"sterbende" Schwitter bricht meteorgleich in diese Welt ein, bringt allen, die sich ihm
nähern, Tod und Verderben. Er wird dabei, selbst den Tod um sich herum aussähend, immer
lebendiger.
Diese Geschichte des Wunders bleibt für den Zuschauer wahrscheinlich unglaubwürdig.
Für Dürrenmatt jedoch, ausgehend von einer, durch die Menschen nicht vollkommen
einsichtbaren Welt und vom Gesetz des Zufalls, scheint dieses Wunder möglich. Es bricht in
die Alltäglichkeit hinein, entlarvt und vernichtet sie, weil die Menschen an Wunder und
Zufälligkeiten, die ihr eingewohntes Leben in Frage stellen, nicht mehr glauben und in der
totalen Ordnung den Sinn der der Welt und des Lebens sehen.
Ob es hingegen die Absicht Dürrenmatts war, sich selbst in diesem Stück zu persiflieren
oder ob er seine Kritiker parodieren wollte, bleibt offen. Marcel Reich-Ranitzky, ein bekannter
deutscher Literaturkritiker, meinte in einem Interview anlässlich Dürrenmatts Tod, den
schönsten Nachruf habe sich der
Schweizer in seinem Stück "Der Meteor"
selbst geschrieben.
"Er blieb unversöhnlich. Ihm fehlte der Glaube und so fehlte ihm auch der Glaube an die
Menschheit. Er blieb Rebell im luftleeren Raum. Seine Kunst heilte nicht, sie verletzte".
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